Wir hatten bei der Arbeit eine Fortbildung zum Thema Arbeit in der Hospizgruppe, welche durch zwei erfahrene Frauen durchgeführt wurde. Ich war ganz fasziniert von ihrer Arbeit und finde es toll, dass es die Hospizgruppe in unserer Stadt gibt.

Einer dieser Frauen hatte ein wunderschönes Gedicht von Bernhard von Clairvaux (1090 – 1153) dabei und las es uns vor. Ich möchte gerne das Gedicht mit euch teilen, denn es ist sehr tiefgründig und regt zum nachdenken an.

Schale der Liebe

Wenn du vernünftig bist, erweise dich als Schale und nicht als Kanal, der fast gleichzeitig empfängt und weitergibt, während jene wartet, bis sie gefüllt ist.

Auf diese Weise gibt sie das, was bei ihr überfließt, ohne eigenen Schaden weiter. Lerne auch du, nur aus der Fülle auszugießen und habe nicht den Wunsch, freigiebiger zu sein als Gott.

Die Schale ahmt die Quelle nach. Erst wenn sie mit Wasser gesättigt ist, strömt sie zum Fluss, wird sie zur See. Du tue das Gleiche! Zuerst anfüllen, und dann ausgießen. Die gütige und kluge Liebe ist gewohnt überzuströmen, nicht auszuströmen.

Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst. Wenn du nämlich mit dir selber schlecht umgehst, wem bist du dann gut? Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle, wenn nicht, schone dich.

Was mich sehr bewegt hat

Ich selbst finde den letzten Abschnitt am aussagekräftigsten. Er lautet nochmal:

“Ich möchte nicht reich werden, wenn du dabei leer wirst. Wenn du nämlich mit dir selber schlecht umgehst, wem bist du dann gut? Wenn du kannst, hilf mir aus deiner Fülle, wenn nicht, sch0ne dich.”

Ich finde es essentiell für jeden einzelnen, denn es ist ein wichtiges Thema gerade was die Selbstliebe und die Selbstfürsorge betrifft. Leider ist es genau das, was heutzutage oft zu kurz kommt. Man sieht beim anderen, wenn seine Schale zu wenig Inhalt hat, aber man kann nicht bzw. schwer erkennen, dass unsere Schale noch weniger Inhalt besitzt. Und wir geben aus unserer Schale dem anderen, ohne dass wir merken, wie wir selbst an Energie verlieren. Doch was passiert, wenn wir unsere Schale nicht beachten? Dann ist sie irgendwann leer und wir können nicht mehr helfen und geben, weil wir nun selbst Hilfe benötigen. Wir haben alles gegeben und nun geht es nicht mehr.

 

 

 

Meist wird dann erwartet, dass ein anderer kommt und uns unsere Schale wieder füllt. Doch was wenn keiner kommt? Ich weiß, dass es jeder Einzelne schafft, seine Schale wieder selbst zu füllen. Dass wir keine anderen verantwortlich für unsere Schale, also unser Wohlergehen, machen müssen und dürfen. Nur wir selbst haben es in der Hand, wie voll unsere Schale ist. Und auch wir können sie mit Selbstfürsorge wieder auffüllen. Wichtig dabei ist, zu erkennen, wann und wieviel wir aus unserer Schale geben und wann es Zeit ist, um sie wieder zu füllen.

Ich finde den Vergleich mit der Schale und dem Wasser sehr passend, denn das Wasser steht auch für unsere Gefühle. Daher ist es wichtig unsere Gefühle zu erkennen, also sich bewusst zu werden, welche Gefühle wir in uns, unserer Schale, haben. Und mit Selbstfürsorge und mit Eigenverantwortlichkeit dürfen wir für uns selbst sorgen.

 

 

Wie kann ich meine Schale wieder füllen?

 

 

Wir können unsere Schale mit der Selbstliebe und Selbstannahme füllen, indem wir erkennen, dass nur die Liebe diese wieder füllen kann.

 

Wenn ich mir bewusst Zeit für mich und meine Bedürfnisse nehme, kann ich mich wieder “auffüllen”. Ich darf schauen, was mir gerade jetzt in diesem Augenblick gut tut und was ich für mich brauche. Oft hilft auch der Aufenthalt in der Natur um sprichwörtlich Kraft zu tanken.

Oder ich ziehe mich mit einem guten Buch zurück, höre die Musik, die meine Seele gerade gut tut, gehe tanzen oder in ein Café oder gönne mir beim Shopping ein tolles Teil, worüber ich mich sehr freue. Vielleicht ist es auch eine Kombination aus verschiedenen Dingen, die ich gerade für mich brauche. Da darf jeder für sich kreativ sein, denn jeder Mensch ist unterschiedlich und individuell.

Ich selbst kann meine Schale auffüllen, indem ich anderen dabei helfe, ihre Schale wieder aufzufüllen, z. B. durch zuhören und schauen, was dem anderen gerade gut tut. Dabei empfinde ich eine große Dankbarkeit und Freude welches mich innerlich wieder wachsen lässt. Aber es ist wichtig, hier Grenzen zu setzen und nicht zu weit zu gehen, denn sonst passiert das Gegenteil von dem, was ich möchte.

Wenn ich selbst meine Grenzen zu spät erkannt habe, darf ich innerlich wieder zur Ruhe kommen, die Hände auf mein Herz legen und mich selbst fühlen und schauen, was brauche ich jetzt, dass es mir wieder gut geht.

Meist erkennt man nicht, oder zu spät, dass die eigene Schale viel zu leer geworden ist. Daher ist es für jeden wichtig, in Kontakt zu sich selbst zu gehen, denn nur du selbst kannst erkennen, wie du dich gerade fühlst und was du brauchst, dass es dir wieder gut geht.

Hier darfst du für dich selbst schauen, ohne zu erwarten, dass ein anderer dich wieder auffüllt. Natürlich dürfen wir in Liebe die Hilfe und Unterstützung annehmen, aber mach dein Wohlergehen nicht von anderen Personen abhängig.

Ich möchte dich gerne einladen und ermuntern, bewusst zu schauen und zu spüren, wie es dir geht und wie sehr du mit dir selbst bist.

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